Schweizer Buchhändler-
und Verleger-Verband

Verlag und Buchhandlung des Jahres 2021

Seit 2010 vergibt der SBVV den Preis des Schweizer Buchhandels. Jeweils drei Buchhandlungen und drei Verlage werden für die Buchhandlung und den Verlag des Jahres nominiert. Dieses Jahr sind die Buchhandlungen Kapitel 10 und Paranoia City in Zürich sowie Kronengasse in Aarau auf der Shortlist – und die Verlage Kommode, Edition Moderne und Kampa, alle in Zürich. Ab dem 28. April kann das Publikum über die Website des SBVV für seinen Favoriten stimmen. Die Verleihung des mit 5000 Franken dotierten Preises findet am 21. Juni im Anschluss an die Online-Generalversammlung statt.

(Texte: Manuela Talenta)


Als Buchhandlung oder Verlag des Jahres 2021 sind nominiert:

So gemütlich wie die eigene Stube

Vor rund anderthalb Jahren eröffnete Andreas Pätzold die kleine Buchhandlung Kapitel 10 in Zürich-Höngg. Seither pflegt er einen intensiven Kundenkontakt – persönlich wie auch über Social Media. Und so wird in dem gemütlichen kleinen Lokal nicht allein über Bücher geredet – es werden Lebensgeschichten ausgetauscht.

Andreas PetzoldEs ist etwas los an diesem Samstagvormittag in der Buchhandlung Kapitel 10: Menschen jeden Alters kommen vorbei, um ein Buch zu bestellen oder eins abzuholen. Andreas Pätzold spricht über Titel und nennt Preise. Aber er wechselt auch immer in paar persönliche Worte mit den Kundinnen und Kunden. «Genau so habe ich es mir vorgestellt, als ich Ende Oktober 2019 eröffnete», sagt der 50-Jährige, und er setzt sich in einer Ecke auf einen blauen Sessel. Die Lokalität gleicht einem Wohnzimmer: Bequeme Sitzgelegenheiten wechseln sich ab mit Salon-, Beistell- und Büchertischen, dazwischen stehen Regale voller Belletristik, Sachbüchern sowie Kinder- und Jugendliteratur, im Hintergrund ertönt leise klassische Musik.

Die Geschichten der Kundschaft
Die Atmosphäre ist wie geschaffen für den persönlichen Kontakt – und darauf legt der Inhaber grossen Wert. «Ich habe mein Leben lang bei der Post gearbeitet und war zuletzt in Bern als Verkaufsleiter tätig. Bei einem solch grossen Konzern ist es nicht möglich, den Kundenkontakt so zu pflegen, wie ich mir das wünsche. Deshalb wollte ich für meine Buchhandlung etwas anderes.»

Sein Konzept geht auf. Immer wieder unterbricht der Vater zweier Kinder das Gespräch, um weitere Kundschaft zu bedienen. Dieses Mal kommt eine ältere Dame, um sich nach einem Buch zu erkundigen. Dabei erzählt sie Andreas Pätzold von ihrer Zeit als Ärztin in Zürich-Höngg und von ehemaligen Patientinnen und Patienten. «Die Menschen erzählen mir oft aus ihrem Leben; den Zugang zu ihren Geschichten schaffen die Bücher, die sie kaufen. Wir reden darüber und sind schon nach wenigen Worten auf der ganz persönlichen Ebene.» Dieses Engagement war für die Jury denn auch ein Grund, Kapitel 10 als Buchhandlung des Jahres zu nominieren.

Die Geschichten des Buchhändlers
Nicht allein die persönliche Begegnung, auch Social Media gehörten von Anfang an zum Geschäftskonzept von Kapitel 10. Andreas Pätzold: «Für Veranstaltungen nutze ich vor allem Facebook – aber mein liebster Social-Media-Kanal ist Instagram, denn hier zählen Bilder, das mag ich sehr.» Und so finden sich auf seinem Profil etwa Fotos vom Umbau der Buchhandlung, der kürzlich stattgefunden hat, Bilder vom winterlichen Höngg und Fotos von ihm selbst beim Ausliefern von Büchern. «Als der erste Lockdown im März 2020 begann, war meine Buchhandlung gerade ein paar Monate lang offen, und ich hatte etwa 150 Kundinnen und Kunden in der Datenbank», sagt Andreas Pätzold. «Weil sie nicht zu mir kommen konnten, habe ich ihnen ihre bestellten Bücher mit dem Velo nach Hause geliefert.»

Wachstum? Nicht das oberste Ziel!
Möglich war das nur, weil er sein Geschäft hauptsächlich auf den Kreis 10 ausrichtet, eben auf Höngg und Wipkingen. Andreas Pätzold ist nicht «auf den Ansturm aus der ganzen Schweiz aus», wie er sagt. Sein Ziel war von Anfang an eine kleine Buchhandlung, die auch klein bleiben soll. «Als ich auf der Suche nach einem geeigneten Ladenlokal war, habe ich mich von Anfang an auf Höngg konzentriert, denn ich habe festgestellt, dass das Quartier ein weisser Fleck auf der Buchhandels-Landkarte war. Es gab schlicht keine einzige Buchhandlung hier. Diese Lücke wollte ich schliessen.» Das ist ihm offenbar gelungen – denn schon wieder öffnet sich die Eingangstür, und weitere Kundschaft betritt den Laden.

Umbau dank Crowdfunding

Die Buchhandlung Kronengasse in Aarau wird seit vier Jahren von Ursina Boner und Ursula Huber geführt. Als vor zwei Jahren ein Umbau nötig wurde, wählten die Co-Inhaberinnen einen aussergewöhnlichen Weg für die Finanzierung: Crowdfunding.

KronengasseDie Buchhandlung Kronengasse ist die einzige unabhängige Buchhandlung in der Kantonshauptstadt und existiert schon seit 28 Jahren. Ursina Boner und Ursula Huber übernahmen das Geschäft 2017, nachdem sie bereits einige Jahre dort als Angestellte gearbeitet hatten. Ursina Boner: «Ich kenne die Kronengasse schon sehr lang, denn ich habe bei unserer Vorgängerin Kathrin Richter meine Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht.»

Umbau mit Crowdfunding finanziert
Seit damals hat sich einiges getan im schmal gebauten, aber gemütlichen Haus in der Altstadt. 2019 wurde die Lokalität umgebaut. Ursina Boner: «Es war Zeit, frischen Wind hineinzubringen.» Ursula Huber ergänzt: «Da unsere Ehemänner Architekten sind, konnten wir auf eine kompetente Beratung zurückgreifen. Aber angesichts der Kosten haben wir schon ein paar Mal leer geschluckt.» Sie wussten, die Finanzierung würde eine Herausforderung. Und so haben sie sich für einen ungewöhnlichen Weg entschieden: Crowdfunding. «Wir waren die erste Buchhandlung, die einen Umbau mittels Crowdfunding finanzieren wollte», erinnert sich Ursula Huber. Die Idee erwies sich als durchschlagender Erfolg: Satte 40'000 Franken kamen zusammen – mehr als die Hälfte der Gesamtkosten.

Die eigenen Vorlieben entscheiden mit
Die Buchhandlung Kronengasse hat sich auf Belletristik, Kinder- und Jugendbücher sowie Sachbücher spezialisiert. Ihre Auswahl treffen die beiden Aargauerinnen mit Sorgfalt. Ursina Boner: «Wir achten darauf, welche Werke in den Medien präsent sind und ob wir die entsprechende Kundschaft haben. Auch unsere eigenen Vorlieben fliessen mit ein.» Ursina Boner hat ein Herz für Kinder- und Jugendbücher sowie für Belletristik. «In der Belletristik lese ich gern Lebensgeschichten in Romanform.» Ursula Hubers Interessen gehen in eine ähnliche Richtung – aber anders als ihre Geschäftspartnerin liest sie auch gerne Krimis. Ein wichtiges Standbein – und finanzielles Fundament – sind die Schulbücher. Die Kronengasse beliefert die Kantons- und Bezirksschulen in Aarau, wobei die Inhaberinnen die Auslieferung oft persönlich übernehmen. Das wird von den Schulen sehr geschätzt.

Buchhändlerin von der Pike auf
Die 50-jährige Ursina Boner ist in Kölliken aufgewachsen. Nach ihrer Lehre zog es sie aber nach Fribourg. «Ich wollte ein paar Monate in einer dortigen Buchhandlung arbeiten, um die Sprache zu lernen und etwas über die hiesige Literaturszene zu erfahren.» Aber es habe ihr so gut gefallen, dass sie gleich dreieinhalb Jahre geblieben sei, hinzu kamen einige Monate in Paris. Zurück in der Deutschschweiz, arbeitete sie in Zürich; 1999 bekam sie ihr erstes Kind. Inzwischen sind es deren zwei. «Nach dem Mutterschaftsurlaub startete mit einem kleinen Pensum in der Kronengasse», sagt sie. «Damit war ich wieder da, wo ich viele Jahre zuvor angefangen hatte.» Sieben Jahre später ging ihre ehemalige Ausbildnerin in den Ruhestand und übergab die Buchhandlung an Ursina Boner und Ursula Huber.

Die Quereinsteigerin
Die 49-Jährige Ursula Huber ist eine Quereinsteigerin im Buchgeschäft. Sie wohnt in Wettingen. «Ich habe Geschichte und Journalistik studiert und war als Redaktorin sowie in der Öffentlichkeitsarbeit und im Marketing tätig», sagt sie. Bücher hätten sie aber ihr ganzes Leben lang begleitet. «Ich lese viel und mit grosser Freude.» Daher war ihr Entscheid, sich im Buchhandel zu betätigen, naheliegend. 2015 absolvierte sie die Quereinsteiger-Ausbildung beim SBVV – und sie landete schliesslich in der Kronengasse, einer potenziellen Buchhandlung des Jahres.

Feministische Power

Die Genossenschafts-Buchhandlung Paranoia City in Zürich wird seit gut einem Jahr von Margot, Melina und Auline geleitet. Die jungen Frauen haben ihre eigenen Vorstellungen mitgebracht und dem Buchladen eine Neuausrichtung hin zu feministischer Literatur verpasst.

Paranoia CityEs ist immer noch dasselbe alte Haus im Kreis vier, immer noch dieselbe schmale Eingangstür und immer noch dieselbe heimelige Atmosphäre – aber die Genossenschaftsbuchhandlung Paranoia City wandelt sich. Mit der Übergabe der Leitung von Gründer Thomas Geiger an Margot, Melina und Auline sind im Januar letzten Jahrs auch deren Interessen quasi in den Buchladen «eingezogen». Die 24-jährige Auline sagt: «Wir drei kennen einander schon lang und sind auch privat befreundet.» Die 25-jährige Margot ergänzt: «Diese Basis der Freundschaft hat uns den Einstieg in die Leitung der Paranoia erleichtert.» Die 26-jährige Melina setzt hinzu: «Ausserdem haben wir uns damit einen Traum erfüllt. Die Idee eines feministischen Buchladens hatten wir bereits vor einigen Jahren, denn wir merkten, dass uns eine Buchhandlung mit diesem thematischen Schwerpunkt fehlt.»

Der Buchladen im Wandel
Aus diesem Grund hat sich das Sortiment der Paranoia inzwischen grundlegend verändert. Zum Beispiel gibt es keine China-Abteilung mehr. Margot: «Thomas hat Sinologie studiert, also Chinawissenschaften, und deshalb eine grosse China-Abteilung eingerichtet. Unsere Vorstellungen lagen aber woanders.» Und so wurde die China-Abteilung geschlossen, und sie machte feministischer Literatur Platz. Wobei die drei Buchhändlerinnen unter Feminismus nicht ausschliesslich die Frauenbewegung verstehen, wie Auline klarstellt. «Wir sehen uns als Treffpunkt für alle FLINT-Menschen, also Frauen, Lesben, Inter-Menschen, Nichtbinäre Menschen und Trans-Menschen.» Die Stadtzürcherinnen wollen Büchern Raum schaffen, die alte Gesellschaftsstrukturen aufzubrechen versuchen und kritischen Autorinnen und Autoren eine Stimme geben. «Darin steckt viel Power, die wir verbreiten wollen», sagt Margot.

Neue Englisch-Abteilung
Offenbar mit Erfolg, denn Paranoia City ist gut besucht. Margot, Melina und Auline legen viel Wert auf persönlichen Kontakt mit der Kundschaft. Melina: «Wir fragen aktiv nach Inputs und haben überall im Laden Zettel aufgehängt. Wir erhalten viele Anregungen. Das gibt uns die tolle Möglichkeit, zu schauen, zu hören und zu spüren, was gerade spannend ist und wodurch sich unser Sortiment stetig wandelt und weiterentwickelt.» So haben die jungen Frauen zum Beispiel eine Englisch-Abteilung eingerichtet, weil sie hier eine Nachfrage feststellten.

Schneller Wechsel
Im Gespräch spürt man es deutlich: Die Frauen haben sich mit Haut und Haar Paranoia City und der feministischen Literatur verschrieben. Daran hätten sie vor einigen Jahren noch nicht im Traum gedacht. Die einzige, welche Paranoia City schon damals kannte, ist Margot. Sie hat hier ihre Ausbildung absolviert, während Melina und Auline ihre Lehre bei Orell Füssli machten. Melina wollte eigentlich noch ein Studium in sozialer Arbeit an der ZHAW beginnen. «Aber dann kam Paranoia City.» Und zwar ziemlich schnell. Auline erinnert sich: «Zuerst sollten wir nur aushilfsweise einspringen, weil Thomas krankheitsbedingt eine Zeit lang ausfiel. Als er wieder zurück war, eröffnete er uns, dass er sich aus dem Geschäft zurückziehen und uns dreien die Leitung übergeben wolle.» Er kam anfangs noch oft vorbei, betätigte sich im administrativen Bereich und stand den Frauen mit Rat und Tat zur Seite. «Aber er erwartete von uns nicht, dass wir auf seinem Weg bleiben, im Gegenteil», sagt Melina. «Er ermutigte uns, auf neuen Pfaden zu gehen.»

Die Speerspitze der Avantgarde

Edition Moderne in Zürich ist der einzige Comic-Verlag in der Deutschschweiz. Fast 40 Jahre lang führte ihn Gründer David Basler. Vor zwei Jahren übernahmen Julia Marti und Claudio Barandun das Ruder; seither steuern sie den Verlag erfolgreich in die Zukunft.

Edition ModerneJulia Marti und Claudio Barandun sitzen entspannt an einem grossen Tisch in der Verlagsbuchhandlung der Edition Moderne. Sie trinken Wasser, knabbern Toffifee und sprechen mit Begeisterung über Comics – und so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Die beiden Stadtzürcher passen hierher wie das Amen in die Kirche. Ihre Ausstrahlung, die legere Kleidung, ihre Ausdrucksweise; sie scheinen gleichsam mit der Lokalität zu verschmelzen. Kennen gelernt haben die 37-Jährige und der 41-Jährige einander vor einigen Jahren, als sie für die Gestaltung der Comic-Zeitschrift «Strapazin» tätig waren. Claudio Barandun: «Dort haben wir auch David Basler kennen gelernt. Er hat mit dem Verlag den Grundstein gelegt, um Comics eine Plattform zu bieten, die es zuvor nicht gab.» Und er war es auch, der die beiden vor rund sechs Jahren als Gestalter zur Edition Moderne holte.

Grosses Erbe
Nach fast 40 Jahren Verlagstätigkeit verabschiedete sich David Basler in den Ruhestand und übergab «sein Kind», wie Julia Marti sagt, an die nächste Generation. Seit 2019 leitet sie die Edition Moderne zusammen mit Claudio Barandun. Zum Team gehören ausserdem Manuel Baer, der hier eine kaufmännische Ausbildung absolviert, und Marie-France Lombardo als administrative Geschäftsleiterin. Julia Marti sagt: «David Basler hat uns ein grosses Erbe hinterlassen», und zeigt auf das Regal hinter ihr. Dutzendweise stapeln sich Comics. «Avantgarde seit 1981 – der Klassiker», zitiert Claudio Barandun den Leitspruch des Kleinverlags.

Verjüngung
Seit die beiden am Ruder sind, hat sich einiges verändert. Julia Marti: «Es hat ein Generationen­wechsel stattgefunden.» Dieser macht sich zum Beispiel bei der jüngeren Autorschaft bemerkbar macht. Einer der Nachwuchskünstler des Verlags ist Nando von Arb, dessen Graphic Novel «3 Väter» 2020 den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis gewann. Auch die Geschlechterverteilung der Autorinnen und Autoren ist anders als früher. Das Frühlingsprogramm 2021 – das im Zeitungsformat daherkommt – umfasst gleich viele Autorinnen wie Autoren. «Wir sehen die Diversifizierung der Stimmen als eine unserer Aufgaben als Verlagsleute an», so Julia Marti. «Denn durch unsere Auswahl werden die Autorinnen und Autoren sichtbar. Das ist eine Verantwortung, die wir wahrnehmen müssen und auch wollen.»

Neue Formate
Die Comics und Graphic Novels sind bunter und in ihren Formaten unterschiedlicher geworden. Denn sowohl Julia Marti als auch Claudio Barandun gestalten sie fast alle selbst und nehmen damit auch Einfluss auf die Geschichten. Julia Marti sagt: «Jede Geschichte ist anders, deshalb verdient auch jede einen Massanzug.» Claudio Barandun ergänzt: «Beim Comic ist das Buch an sich Kunst, nicht nur sein Inhalt.» Für sie sei dies mit ein Grund, weshalb sie sich der Gestaltung verbunden fühlten.

Die Avantgarde bleibt
Julia Marti und Claudio Barandun sind beide Quereinsteiger in der Verlagsbranche. Er ist Grafiker, sie Grafikdesignerin und Illustratorin. Julia Marti sagt: «Die Tatsache, dass wir branchenfremd sind, hat den Vorteil, dass wir uns nicht auf ausgetretenen Pfaden bewegen.» Aber nicht in allen Bereichen weichen sie vom Weg ihres Vorgängers ab. Edition Moderne verschreibt sich nach wie vor der Avantgarde. Claudio Barandun: «Wir wollen ihre Speerspitze sein und mit unseren Büchern nötige Veränderungen in der Gesellschaft anstossen. Wir haben Lust auf Radikalität. Das war immer die treibende Kraft unserer Arbeit.»

Der kleine Verlag mit dem grossen Output

Daniel Kampa redet schnell und denkt gross. Im Herbst 2018 gründete er in Zürich den Kampa-Verlag; gleich wartete er mit einem grossen Programm von 40 Büchern auf. Ein Jahr später erhielt Olga Tokarczuk, deren Gesamtwerk bei Kampa erscheint, den Literaturnobelpreis. Zwei Jahre später kaufte er mit Atlantis den ältesten Schweizer Kinderbuchverlag. Wie schafft er das alles?

Kampa-VerlagHoch oben am Zürichberg sitzt Daniel Kampa im Wohnzimmer eines vierstöckigen Hauses. Wohin das Auge blickt, überall sind Bücher: Sie stehen in den vielen Regalen, liegen auf dem Boden und stapeln sich auf zahlreichen Tischen. Hier hat der Kampa-Verlag seinen Sitz, und hier wohnt auch sein Gründer Daniel Kampa. Der 50-Jährige ist immer auf Achse. Mehrmals rennt er die vielen Treppen hinauf und wieder hinunter, weil die Grafikerin im Büro im Dachgeschoss noch an einem Cover-Entwurf feilt. Er ist ausser Atem, redet aber trotzdem wie aus der Pistole geschossen. Der Luxemburger mit polnischen Wurzeln ist in Deutschland und Frankreich aufgewachsen und spricht deshalb Hochdeutsch. Für das Studium ist er in die Schweiz gezogen. «Ich kann auch Schweizerdeutsch», versichert er – und trägt spontan ein Schweizer Kinderlied vor. «Das singe ich zusammen mit meinen zwei kleinen Kindern.»

Buntes Sammelsurium
Daniel Kampa lebt auf der Überholspur – und hat dennoch jedes Buch gelesen, das sein Verlag herausbringt, immerhin rund 80 jedes Jahr. «Ich lese immer, auch wenn ich dafür eigentlich keine Zeit habe», sagt er. Es fällt ihm schwer, sich auf eine Vorliebe zu beschränken, denn seine Interessen seien äusserst vielfältig. «Ich hätte mir nicht vorstellen können, meinen Verlag auf ein bestimmtes Genre zu spezialisieren, und ebenso wenig, nur vier bis fünf Bücher pro Jahr herauszubringen. Da würde ich all meine Interessen ja gar nicht unter einen Hut bringen.» Diese Vielseitigkeit spiegelt sich auch im aktuellen Verlagsprogramm wieder: deutschsprachige und internationale Gegenwartsliteratur, moderne und alte Klassiker, Krimis, Neues aus der Gesprächsreihe «Kampa Salon» – und natürlich weitere Teile des Gesamtwerks von Georges Simenon, der zu Daniel Kampas Lieblingsschriftstellern zählt. Umso glücklicher war er, als Simenons Erben sich für einen Verlagswechsel entschieden und seinem Verlag die Rechte an dem Gesamtwerk übertrugen, das zuvor bei Diogenes erschienen war; ein Coup, der in der Branche für Furore sorgte, zumal Daniel Kampa 20 Jahre lang für Diogenes gearbeitet hatte.

Nobelpreis und Kauf des ältesten Schweizer Kinderbuchverlags
2019, nur ein Jahr nach der Verlagsgründung, gab es erneut Schlagzeilen: Mit Olga Tokarczuk wurde nämlich eine Kampa-Autorin mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Der nächste Paukenschlag folge letzten Dezember. Der Verleger kaufte mit Atlantis den ältesten Schweizer Kinderbuchverlag. Daniel Kampa: «Es war ein Glücksfall, dass Orell Füssli genau zu der Zeit verkaufen wollte, als ich mit dem Gedanken spielte, mit Kinderbüchern ein zweites Standbein für Kampa zu schaffen. Atlantis ist eine traditionsreiche Marke, hat eine Backlist von über 100 Büchern, schreibt gute Umsätze und hat mit Hans ten Doornkaat und Eva Roth zwei tolle und erfahrene Programmmacher.»

Wie die Grossen
Obwohl der Kampa-Verlag vom Output her aus dem Stand heraus zum zweitgrössten Schweizer Verlag aufgestiegen ist, sind seine Strukturen – auch nach dem Kauf von Atlantis – mit weniger als acht Vollzeitstellen extrem schlank. Daniel Kampa: «Ich möchte meine Belegschaft klein genug halten, damit keine grossen Sitzungen nötig sind, denn ich hasse Sitzungen. Zwar haben wir einen Tisch, an dem alle Platz finden, aber der ist für das gemeinsame Mittagessen reserviert. Wenn wir etwas zu besprechen haben, gehen wir im Wald spazieren.» Er versteht sein Unternehmen als Gegenpol zu den «Grossen». «Der Verlag soll keine Buchfabrik sein, das ist mir zu unpersönlich. Und natürlich möchten wir zeigen, dass wir als kleiner Verlag einige Sachen gleich gut oder sogar etwas besser machen können als die Grossen.»

Gemeinsam Stärke zeigen

Kleinverlage müssen sich an einem riesigen Markt behaupten und knapp kalkulieren. Zudem fallen sie, gerade in der Covid-19-Pandemie, oftmals durch die Raster der Unterstützungsmassnahmen. Annette Beger und Somea Hürlimann vom Kommode-Verlag in Zürich-Oerlikon wollen die Kräfte der Kleinverlage bündeln und mehr Verständnis für die Abläufe in der Verlags- und Buchbranche vermitteln.
 

Kommode-VerlagDie Räumlichkeiten des Kommode-Verlags sind zurzeit noch eine Baustelle, denn man ist gerade frisch ins Hunziker-Areal gezogen. Noch wirkt alles etwas zusammengewürfelt, aber hier werden künftig zwei Verlage arbeiten: Lectorbooks und Kommode. Annette Beger, Verlagsleiterin der Kommode: «Vor einem Jahr entschlossen wir uns, einige Aufgaben im Vertriebsbereich mit Lectorbooks zu teilen. Wir bleiben unabhängig, nutzen aber Synergien und teilen Kosten, wo es sinnvoll und machbar ist. Für kleine Verlage ist solche Zusammenarbeit sehr wichtig, denn sowohl die finanziellen als auch die personellen Ressourcen sind knapp.» Somea Hürlimann, stellvertretende Verlagsleiterin und für den Vertrieb bei Kommode zuständig, sagt: «Sie entlastet uns vor allem finanziell, gibt uns aber auch mehr Möglichkeiten, uns um unser Kerngeschäft zu kümmern.»

Die Last, klein zu sein
Damit kommen die Frauen gleich zum Kern ihres Engagements. Die 48-jährige Annette Beger sagt: «Auch wenn wir klein sind, generieren wir einen wachsenden Umsatz, unter anderem wegen unserer wachsenden Backlist. Aber wir leisten vor allem einen wichtigen kulturellen Beitrag.» Eine weitere Herausforderung sei: «Wir fallen immer durch die vorgegebenen Raster, wenn es um die Berechnung und Verteilung von Fördergeldern geht. Ich wünschte mir einen regelmässigen und lebendigen Austausch mit den öffentlichen Institutionen und Akteuren der Buchbranche.»

Die kleine, aber feine Auswahl
Die Kommode hat sich auf Belletristik und Sachliteratur spezialisiert und unterstützt Schweizer sowie ausländische Autorinnen und Autoren. Annette Beger: «Wir wählen unsere Bücher sehr sorgfältig aus, denn mehr als zwei bis vier Werke können wir pro Saison nicht vertreiben.» In der Belletristik achten die Frauen auf eine eingehende Dramaturgie. «Dies, weil ich vor der Gründung des Verlags 2010 im Theater beschäftigt war; zunächst als Schauspielerin, dann als Opernsängerin und schliesslich als Intendanz-Assistentin», sagt die vierfache Mutter. Bei der Sachliteratur steht die gesellschaftliche Relevanz im Vordergrund – und dass die Bücher komplexes Wissen verständlich vermitteln. Somea Hürlimann: «Wir möchten der Leserschaft tolle Bücher zugänglich machen. Dabei ist uns die gewählte Sprache sehr wichtig.» Die 41-Jährige arbeitet seit neun Jahren für die Kommode und ist als Quereinsteigerin im Verlagsgeschäft gelandet. «Nach meinem Psychologiestudium und einigen Jahren Familienzeit war ich auf der Suche nach einer Tätigkeit, bei der ich als Mutter zweier kleiner Kinder flexibel sein konnte. Das war im pädagogischen Bereich eher schwierig. Weil ich Bücher immer schon mochte, entschied ich mich für die Kommode.»

Das eigene Kind hergeben? Schwierig!
Die beiden Stadtzürcherinnen sind sich einig: Die Kommode ist wie ihr eigenes Kind. «Das gilt für die meisten Kleinverleger», weiss Annette Beger. Dieses Herzblut scheint aber Fluch und Segen zugleich zu sein. «Denn ein Kind hegt und pflegt man, man investiert viel Zeit und Arbeit. Manchmal so viel, dass man schlicht keinen Kopf dafür hat, übers Alltagsgeschäft hinauszusehen. Man ist im Hamsterrad gefangen.» Und man wolle sein Kind respektive seine Unabhängigkeit nicht hergeben. «Viele fürchten sich davor, obwohl diese Angst unbegründet ist. Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam stärker sind.»

Die Jury besteht in diesem Jahr aus dem Gewinnerverlag 2019 (Patrizia Grab, Rotpunktverlag), der Gewinnerbuchhandlung 2019 (Andrea Kalt, Doppelpunkt Buchhandlung) sowie Philippe Jauch (Verlags­vertreter BZ), dem Verlagsvertreter Matthias Engel (b+i) und Myriam Lang vom SBVV.

Die Gewinner werden an der Online-GV des SBVV am 21. Juni bekannt gegeben.

Die Liste mit allen Nominierten und Gewinnern ab 2010 finden Sie hier.

Die Preisgelder von je 5000 Franken werden gesponsert vom Schweizer Buchzentrum.

BZ2021

Top