Schweizer Buchhändler-
und Verleger-Verband

Buchhandlung und Verlag des Jahres 2022

Seit 2010 vergibt der SBVV die Auszeichnung "Buchhandlung und Verlag des Jahres". Jeweils drei Buchhandlungen und drei Verlage werden dafür nominiert. Dieses Jahr sind es die Buchhandlung Bellini aus Stäfa, die Leserei Zofingen und Queerbooks aus Bern – und die Verlage Babobab Books (Basel), verlag die brotsuppe (Biel) und der Limmat Verlag (Zürich). Die Bekanntgabe der Gewinner:innen des mit je 5'000 Franken dotierten Preises findet am 13. Juni statt.

(Texte: Manuela Talenta)

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Als Buchhandlung oder Verlag des Jahres 2022 sind nominiert:

Als sei es so vorherbestimmt gewesen

Sandra Bellini hat beruflich vieles ausprobiert – Inhaberin einer Buchhandlung zu sein, stand allerdings nicht auf ihrer Liste. Aber wie das Leben so spielt: Erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt.

Sandra BelliniSandra Bellini liebt schöne Dinge. Vor allem schöne Bücher. «Ich finde es wichtig, dass ein Buch wertig ist», sagt die Ü-Fünfzigerin. «Nicht nur der Inhalt sollte gut sein. Auch die Buchgestaltung liegt mir am Herzen. Ein Buch sollte schön anzusehen sein und etwas, das man gerne anfasst.» Und so ist es ästhetisch eine wahre Freude, in der Buchhandlung Bellini in Stäfa (ZH) zu verweilen. Wir sitzen an einem kleinen Holztisch in bequemen Sesseln, und wohin das Auge reicht – überall ansprechende Covers, liebevoll von der Inhaberin und ihren vier Mitarbeiterinnen arrangiert. «Wir fünf Frauen sowie unser hauseigener Test-Leser für Krimis sind ein starkes Team», sagt Sandra Bellini.

Dies und das, da und dort
Vor vielen Jahren hätte Sandra Bellini noch nicht einmal im Traum gedacht, einmal Buchhändlerin zu sein. Die Stäfnerin war jahrelang in verschiedenen Jobs im In- und Ausland tätig, bis sie als Teilzeitmitarbeiterin in der örtlichen Buchhandlung landete. Der Vorbesitzer Rudolf Kupper wollte das Geschäft altershalber aufgeben. «Ich fand es wichtig, die Buchhandlung zu erhalten, denn ich sehe sie als einen Beitrag zu einem intakten Dorfleben, kulturell wie sozial.» Es seien viele Gespräche nötig gewesen, bis die Übernahme geklappt habe. «Damals war das Buchhandelssterben in aller Munde, und es brauchte viel Mut. Aber dank den Menschen in meinem Umfeld, die mich unterstützten, und dank der günstigen Umstände schafften wir den Umzug an die Goethestrasse in weniger als neun Monaten. Im Oktober 2016 eröffneten wir.»

Buchhändlerin und auch Künstlerin
Inzwischen gibt es die Buchhandlung Bellini bereits seit sechs Jahren. «Wir konnten gut im Dorf Fuss fassen und dürfen uns über eine treue Stammkundschaft aus Nah und Fern freuen. Der Kontakt zu den Menschen ist mir sehr wichtig, ich sehe die Buchhandlung Bellini als Treffpunkt für persönliche Begegnungen rund ums Buch. Dazu gehört, dass wir hier auch Kultur in Form von Lesungen und anderen Veranstaltungen anbieten.» Das Sortiment ist breit gefächert und reicht von Belletristik über Kinder- und Jugendbücher bis hin zu Reiseführern und Karten, die Sandra Bellini selbst entwirft und gestaltet. Auf ihrer Website schreibt sie dazu: «Ich suche die verborgene, unkonventionelle Ästhetik im Alltäglichen, dort, wo man sie nicht erwartet oder übersieht.» Ja, Sandra Bellini liebt eben schöne Dinge!

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27 - und schon erfolgreiche Unternehmerin

Corina Friderich ist noch jung, gerade mal 27 Jahre alt. Und doch ist sie bereits seit fünf Jahren als Selbstständige tätig. Als sie knapp 22 Jahre alt war, übernahm sie die Buchhandlung Mattmann in Zofingen (AG) und taufte sie zwei Jahre später um. Wie sie das geschafft hat, erzählt sie bei einer Tasse Kaffee in der kleinen Küche des heimeligen Buchladens Leserei gleich selbst.

Sandra Bellini«Ich habe in dieser Buchhandlung meine Ausbildung zur Buchhändlerin absolviert, arbeitete danach aber zwei Jahre woanders. Mit 21 Jahren plante ich, neun Monate durch die USA zu reisen. Doch gerade zu diesem Zeitpunkt wollte mein alter Lehrmeister aufhören und die Buchhandlung schliessen. Aber ich fand, sie müsse erhalten bleiben. Darum übernahm ich das Geschäft und stellte Cheryl Marti – eine langjährige Freundin von mir – ein. Das war eine sehr spontane Entscheidung. Und so wurden aus den geplanten neun Monaten nur vier Monate in den USA.

Der neue Name brachte die Wende
In den ersten zwei Jahren gab es viel zu lernen, doch der Laden fühlte sich je länger, je mehr nach uns an, weshalb ich das Gefühl hatte, der Zeitpunkt sei gekommen, um ein neues Kapitel aufzuschlagen. Weil uns das nötige Kapital fehlte, riefen wir ein Crowdfunding ins Leben, und wir konnten so rund 25'000 Franken sammeln. Das und die weitere finanzielle Unterstützung von mehreren Seiten ermöglichten es uns schliesslich, den Laden umzubauen und der Buchhandlung einen neuen Namen zu geben. Inzwischen sind wir zu viert, inklusive einer Lernenden.

Für die Region
Wichtig ist mir auch, mit den umliegenden Läden zusammenzuarbeiten. Bei Apéros an Veranstaltungen berücksichtigen wir zum Beispiel die hiesige Bäckerei oder Weinhandlung. Lesungen finden ausserhalb der Buchhandlung statt. So können andere Lokalitäten Mieteinnahmen von uns generieren. Das war vor allem während der Pandemie sehr wertvoll. Beim Einkauf von Büchern unterstützen wir gern junge Autorinnen und Autoren, die ihr erstes Buch geschrieben haben.

Das Buch entdecken

Als Kind hätte ich niemals gedacht, dass ich als junge Erwachsene beruflich schon selbstständig sein würde, und schon gar nicht als Buchhändlerin. Als Legasthenikerin konnte ich lang überhaupt keine Bücher lesen, sicher bis zur dritten Klasse. Erst als ich eine Sprachheilschule besuchte, freundete ich mich mit dem geschriebenen Wort an. Inzwischen bin ich eine begeisterte Leserin, vor allem von Romanen und Sachbüchern zu Themen, die mich zum Nachdenken anregen, etwa Politik, Feminismus oder Rassismus. All diese Themen und noch vieles mehr finden sich denn auch im Sortiment der Leserei. Wir sind eine Allgemeinbuchhandlung, die fast alle Genres anbietet.

Tauschen im Bücherhüsli

Vor einigen Monaten haben wir die ‹Bücherhüsli› ins Leben gerufen, ein Büchertausch-Projekt. 15 kleine Häuschen, welche die örtliche Schreinerei für uns angefertigt hat, sind in der ganzen Stadt verteilt. In Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek bestückten wir sie mit unterschiedlichen Büchern. Es dauerte nicht lang, und der Austausch lief von selbst.»

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Eine queer-feministische Geschichte

Die 25-jährige Milena Leutert und der 35-jährige Patrick Roth sorgen bei Querbooks in Bern dafür, dass Queerness sichtbar wird. Im Interview erzählen die beiden, weshalb sie so viel Herzblut in die Spezial-Buchhandlung stecken.

Queerbooks

Bei Ihnen ist der Name Programm – weshalb?

Buchhändler Patrick Roth: Gleich nebenan, in der Münstergasse, gab es früher die Frauenbuchhandlung Candinas. Die damalige Inhaberin wollte verkaufen. Weyermann trat als Käufer auf und verfügte danach über ein belletristisches, ein feministisches und ein lesbisches Sortiment. Als ich 2012 hier anfing, gab es zusätzlich noch eine kleine Abteilung mit schwuler Literatur sowie zwei separate Websites. Schnell wurde klar, dass diese Sites zusammengelegt und unter einem Begriff zusammengefasst werden müssen, der mehr Möglichkeiten bieten würde. Daraus entstand queerbooks.ch. Aber auch das Bedürfnis, eine Nische zu bedienen und queere und feministische Geschichten sowie Autorinnen und Autoren sichtbar zu machen, spielte eine wichtige Rolle.

Es braucht also eine queer-feministische Buchhandlung?

Buchhändlerin Milena Leutert: Natürlich!

Patrick Roth: Klar! Die Welt verändert sich. Der Themenbereich ist extrem trendy geworden, aber solange es noch nicht selbstverständlich ist, dass queere Charaktere in Romanen vorkommen und Sachbücher zu diesen Themenbereichen nicht in den Regalen der Schweizer Buchhandlungen stehen, braucht es uns.

Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Milena Leutert: Es gibt Bücher, denen man auf den ersten Blick nicht ansieht, dass es darin um queere Themen geht – aus Angst, dass sie eine zu kleine Nische bedienen und daher nicht rentabel seien. Zwar findet immer mehr lesbische oder schwule Literatur Eingang in die Publikumsverlage. Aber andere Bereiche wie etwa Asexualität sind noch sehr selten.

Patrick Roth: Eigentlich sollte man ja nicht explizit erwähnen müssen, dass in einem bestimmten Buch queere Aspekte vorkommen, weil es selbstverständlich ist. Aber wir leben in einer Zeit, in der eine solche Erwähnung nötig ist, um Sichtbarkeit zu schaffen.

Warum haben Sie beide sich entschlossen, bei einer queeren Buchhandlung zu arbeiten?

Milena Leutert: Nach meiner Ausbildung zur Buchhändlerin bei einer grossen Sortimentsbuchhandlung und einem anschliessenden Praktikum beim Mannschaft Magazin, einem LGBTIQ-Magazin aus Bern, wollte ich in einer kleineren Buchhandlung arbeiten, deren Sortiment mehr zu mir passt. Dabei hatte ich sehr schnell Queerbooks im Auge, und zum Glück wurde gerade eine Stelle frei. Ich wollte mich für Feminismus und Queerness einsetzen und mehr darüber lernen.

Patrick Roth: Schon während meiner Ausbildung zum Buchhändler in einer Grossbuchhandlung betreute ich die Schwulen- und Lesben-Abteilung, was mir sehr gut gefiel. Aber nach ein paar Jahren wollte ich in eine kleinere Buchhandlung wechseln und kam zu Queerbooks. Das ist inzwischen 10 Jahre her.

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Andere Stimmen hörbar machen

Baobab Books in Basel ist sowohl ein Verlag als auch eine Fachstelle zur Förderung der kulturellen Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur. Im Mittelpunkt steht immer der interkulturelle Dialog. 2004 übernahm Sonja Matheson die Geschäfts- und Programmleitung des gemeinnützigen Vereins. Sie erzählt, was es mit dem Affenbrotbaum – eben dem Baobab – auf sich hat.

Baobab Books

«Der Baobab steht traditionell im Zentrum eines Dorfs oder einer Gemeinschaft. Man trifft sich dort, Geschichten werden von einer Generation zur nächsten weitergegeben, unter ihm werden Gespräche geführt und Konflikte gelöst. Die Symbolik des Baums spiegelt wider, was Baobab Books ist und tut. Wir haben uns dem Dialog zwischen den Kulturen verschrieben und stehen mit unserem Buchprogramm für Respekt gegenüber anderen Menschen und Kulturen ein.

Der «Kolibri»

Als Fachstelle engagieren wir uns mit diversen Projekten in der Lese- und Literaturförderung. Wir geben zum Beispiel den ‹Kolibri› heraus, ein Verzeichnis von Kinder- und Jugendbüchern, die Einblicke in unbekannte Welten öffnen. Es reicht bis in die Anfänge von Baobab Books zurück. In den 1970er-Jahren tauchte im Zug des entwicklungspolitischen Aufbruchs die Frage auf, welche Bilder aus anderen Kulturen vermittelt werden und was diesbezüglich im Bereich Kinder- und Jugendbuch passierte – nämlich fast gar nichts. Es entstand eine Arbeitsgruppe, die sich nach empfehlenswerten Büchern umsehen sollte. 1975 erschien dann zum ersten Mal die Liste ‹Die dritte Welt im Kinder- und Jugendbuch›, der heutige ‹Kolibri›.

Der Weg in die Selbstständigkeit

Im Lauf der Jahre entstand aus der einstigen Arbeitsgruppe eine Arbeitsstelle. Sie wurde finanziert von der Erklärung von Bern, einer NGO, die sich für eine gerechte Globalisierung einsetzt und heute Public Eye heisst. Ab 1990 erschienen die ersten eigenen Bücher unter dem Label ‹Baobab›. 2010 überführten wir die ehemalige Arbeitsstelle in einen eigenen Verein mit dem Namen Baobab Books, und wir wurden nach vielen Jahren als Herausgeber nun auch verlegerisch selbstständig. Heute arbeiten drei Frauen festangestellt bei Baobab Books.

Der Abzählreim

Pro Jahr geben wir vier Bücher in deutscher Übersetzung heraus, etwa die Hälfte sind Originalausgaben. Diese Bücher sollen einerseits eine universell verständliche Botschaft vermitteln, dürfen andererseits aber auch kulturspezifische Eigenheiten abbilden. Ein aktuelles Beispiel dafür ist ‹Plitsch, platsch – pitsch, patsch› des iranischen Illustrators und Autors Reza Dalvand. Darin geht es um einen Abzählreim aus dem Iran, ähnlich jenem des Daumens, der Pflaumen schüttelt. Im Iran ist es ein Vogelkind, das in die Pfütze fällt und gerettet werden muss. Dabei beginnt man mit dem kleinen Finger zu zählen, nicht wie bei uns mit dem Daumen. Ausserdem benutzt man im Iran die linke Hand, während wir hier eher die rechte Hand verwenden. Dieses Buch zeigt auf einfache Weise, was wir bei Baobab Books vermitteln wollen: dass ‹die anderen› eigentlich gar nicht so anders sind.

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«Jedes neue Buch ist für mich wie ein neues Abenteuer»

Ursi Anna Aeschbacher wuchs in Biel auf, ging mit 20 Jahren nach Deutschland und arbeitete dort für mehrere Verlage. Als sie vor rund 20 Jahren in die Schweiz zurückkehrte, nahm sie die brotsuppe, ihren eigenen Verlag, mit in die Schweiz. Sie konzentriert sich auf Literatur aus der Schweiz – ein schwieriger Bereich, wie sie im Interview erzählt.

die Brotsuppe

Haben Sie mit der Nomination gerechnet?

Ursi Anna Aeschbacher: Nein, überhaupt nicht, es hat mich sehr überrascht, denn mein Verlag ist keiner mit Bestsellern. Ich bin keine Verlegerin, die dafür sorgt, dass Buchhandlungen gut überleben – leider. Aber dass Literatur aus der Schweiz, auf die ich mich spezialisiert habe, geschätzt wird, ehrt mich sehr. Denn es ist das härteste Brot für eine Buchhandlung, diese Literatur zu verkaufen. Es werden generell immer weniger Bücher besprochen. Auch hier in der Schweiz leider wenig Literatur aus der Schweiz. Das finde ich sehr schade, denn so wird ein grossartiger Teil der Literatur nicht gesehen.

Ist es Ihnen deshalb wichtig, gerade diese Literatur zu verlegen?

Ich habe 30 Jahre lang in Deutschland gelebt und dort unter anderem als Lektorin und Buchgestalterin für deutsche Verlage gearbeitet. Daher war diese Spezialisierung eine Möglichkeit für mich, die Schweiz wieder neu kennenzulernen. Es gibt überaus gute Literatur aus der Schweiz, das möchte ich betonen. Diese Literatur, wenn sie gut ist, beschäftigt sich mit allen Welt- und Lebensfragen. Ich glaube, ihre Qualität wird häufig unterschätzt. Als ich zurückkehrte, wunderte ich mich sehr, weshalb ich all diese tollen Bücher verlegen konnte. Ich dachte, die grösseren Verlage schnappen sie mir weg.
 

die brotsuppe ist eine One-Woman-Show – jedenfalls die meiste Zeit. Wie schaffen Sie das?

Mein Verlag ist jetzt 19 Jahre alt. Früher konnte man als 19-jähriger Verlag Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen. Das geht heute nicht mehr. Ich bin froh, dass ich noch für andere Verlage arbeiten kann. So überbrücke ich schwierige Zeiten. Aber das kann eigentlich nicht sein, oder? Man spricht so oft – berechtigterweise! – über die schwierige finanzielle Situation von Autoren, Übersetzerinnen oder Buchhändlern. Aber Verlegerinnen und Verleger, die solche Bücher wie ich machen, verdienen oft gar nichts.

Und trotzdem machen Sie weiter. Weshalb?

Weil ich es nötig finde und gern mache. Literatur ist wichtig für unser Leben. Und jedes neue Buch ist für mich wie ein neues Abenteuer. Ich arbeite zwar viel, aber es ist nicht so, dass ich morgens aufwache und frustriert daran denke, wie viel Arbeit ich heute vor mir habe. Und wir müssen weiter darauf aufmerksam machen, wie wichtig Verlagsarbeit ist, das Lektorat, die Buchgestaltung, das Promoten der Bücher und so weiter. Ohne Verlagsarbeit sähe es sehr anders aus. Wir müssen also weiter für die Belange der Verlage kämpfen, und wir tun es damit auch für die Autorinnen und Buchhändler. Ich glaube nicht mehr, dass es einfach so weitergeht. Ich denke, wir sollten uns dringend anderes und Neues einfallen lassen.

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Das Gedächtnis der Schweiz

Versteckt im Innenhof eines Gebäudekomplexes im ehemaligen Industriequartier inZürich findet man den Limmat Verlag. Der Raum im ersten Stock ist gross – und vollgepackt mit Büchern aus fast fünf Jahrzehnten Verlagsgeschichte. Dort wartet Lukas Haller. Zusammen mit Erwin Künzle und Rahel Beyerle bildet er die Verlagsleitung. Wir setzen uns an einen grossen Tisch, und dort stossen Laila Schneebeli und Larissa Waibel zu uns. Gemeinsam sind die beiden Frauen für Vertrieb, Rechte und Lizenzen sowie das Lektorat verantwortlich. Für Gestaltung und Herstellung ist seit Jahrzehnten Trix Krebs zuständig.

Limmat-Verlag

Alles begann in den 1970er-Jahren, als der Suhrkamp-Verlag eine Filiale in der Schweiz eröffnete. Im Verlagsprogramm vorgesehen war auch der Dokumentenband «Schweizerische Arbeiterbewegung: Dokumente zu Lage, Organisation und Kämpfen der Arbeiten von der Frühindustrialisierung bis zur Gegenwart». Doch Suhrkamp warf den Titel aus dem Programm. Lukas Haller: «Deshalb gründeten die jungen Männer 1975 die Limmat Verlag Genossenschaft in Zürich – wegen eines einzigen Buchs! Das war damals so einzigartig wie die genossenschaftliche Organisation. Entscheidungen wurden basisdemokratisch getroffen, die Leute arbeiteten gratis.»

Die Geschichten der kleinen Leute

Das Programm des Limmat-Verlags ist heute geprägt von Literatur, Lyrik und Lebensgeschichten aus der Schweiz der letzten drei Jahrhunderte sowie von Sachbüchern zu historischen und politischen Themen aus der Schweiz. Und immer sind es Geschichten von Menschen, die in der Gesellschaftshierarchie auf den unteren Sprossen stehen. Eigentlich sei der Limmat Verlag ein eher ernsthafter Verlag, der – im Unterschied zu anderen Verlagen – wenig Unterhaltung biete, sinniert Lukas Haller. «Auch das gehört zu unserer Geschichte, ebenso wie die freiwillige Beschränkung auf die Schweiz. Wir sind, wie meine Mutter sagen würde, ‹schon sehr speziell›.»

Multikulturell

Zu dieser Spezialität gehören Übersetzungen aus und in alle Landessprachen der Schweiz. «Sie werden von der öffentlichen Hand unterstützt, weil sie Teil der Schweizer Kulturpolitik sind», sagt Lukas Haller, und er fügt hinzu: «Ohne Unterstützung wären sie nicht möglich. Denn eine Übersetzung hat es schwerer, die Autorinnen und Autoren können meist keine Lesungen bestreiten. Dazu kostet die Übersetzung, was bei Originalwerken ausfällt.» Larissa Waibel doppelt nach: «Aber ganz unabhängig davon, diese Literaturvermittlung war von Beginn an Programm.» Laila Schneebeli: «Inzwischen sind es ja auch nicht mehr nur die vier Landessprachen. Wir haben auch Bücher weiterer Sprachen im Programm. Wir wollen die Schweiz, die ja sehr multikulturell ist, in ihrer ganzen Breite abbilden.»

Ein Mehrgenerationenhaushalt

Sowohl Larissa Waibel als auch Laila Schneebeli sind mit ihren 25 beziehungsweise 30 Jahren noch jung – und sehr stolz darauf, bei einem so geschichtsträchtigen Verlag zu arbeiten. Laila Schneebeli: «Hier haben wir die Möglichkeit, an Themen, die nach wie vor aktuell sind, weiterzuarbeiten. Ich jedenfalls wollte unbedingt zum Limmat-Verlag und kann hier die Stimmen meiner Generation in den Verlag hineintragen.» Larissa Waibel nickt. «Ich finde es toll, dass wir hier ein kleines Team sind und dass alle mitreden und mitgestalten können, ja sogar müssen.» Ausserdem könnten die verschiedenen Generationen viel voneinander lernen. Der 54-jährige Lukas Haller nickt ebenfalls: «Stimmt. Wir sind sowas wie ein Mehrgenerationenhaushalt.»

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Die Jury besteht in diesem Jahr aus dem Gewinnerverlag 2021 (Claudio Barandun, Edition Moderne), der Gewinnerbuchhandlung 2021 (Ursula Huber, Buchhandlung Kronengasse) sowie Burkhard Ludäscher (Verlags­vertreter BZ), der Verlagsvertreterin Angela Kindlimann (Scheidegger & Co.) und Myriam Lang vom SBVV.

Die Gewinner werden am 13. Juni bekannt gegeben.

Die Liste mit allen Nominierten und Gewinnern ab 2010 finden Sie hier.

Die Preisgelder von je 5000 Franken werden gesponsert vom Schweizer Buchzentrum.

BZ2021

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