Schweizer Buchhandels- und
Verlags-Verband SBVV

Newsletter Schweizer Buchhandel
Ausgabe 4/2023 vom 26. Januar 2023

1. Österreich
1. MELO ist insolvent

Das zweitgrösste Buchlogistik-Unternehmen Österreichs, die Medienlogistik Pichler-ÖBZ (MELO), beantragte Anfangs Woche Insolvenz. Das gab MELO-Inhaber und -Geschäftsführer Franz Lintner auf der Website des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels bekannt. Er schreibt: «Durch den kurzfristigen Austritt unserer beiden grössten Verlagskunden sind wir leider gezwungen, ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung anzumelden, um die Fortsetzung des Betriebes unter bestmöglicher Wahrung der Gläubigerinteressen zu gewährleisten.» Die Namen der beiden Kunden nannte er nicht; laut Insiderinformationen handelt es sich aber um zwei grosse Lehrmittelverlage. Geplant ist, das Unternehmen weiterzuführen, zu verkleinern und damit zu sanieren. Gestern wurde das angestrebte Sanierungsverfahren zur Fortführung der MELO vom Landesgericht Wiener Neustadt angenommen. Damit ist ein Konkurs vorderhand abgewendet.

Unter den 115 Verlagskunden sind auch Schweizer Verlage: AT in Aarau, Baobab Books in Basel, Kurz & Bündig in Basel, Librum in Basel, Secession in Berlin und Zürich, Unionsverlag in Zürich; auch der Lehrmittelverlag Klett & Balmer in Zug ist auf der MELO-Website aufgeführt.

Überrumpelt vom plötzlichen und unerwarteten Zusammenbruch seiner österreichischen Auslieferung ist Lucien Leitess, Verleger Unionsverlag. «Für alle Verlage sind Auslieferungen und Barsortimente die wichtigsten Kunden, und ein klassisches Klumpenrisiko», sagt er. «Die Insolvenz einer Auslieferung ist für einen Verlag immer ein GAU – wenn auch in unterschiedlichen Dimensionen.» So sei die Insolvenz von MELO für die österreichischen Verlage dramatischer als für die betroffenen Schweizer Verlage. «Wir waren nicht nah genug dran, um die Entwicklung ahnen zu können und rechtzeitig Vorsichtsmassnahmen zu treffen», so Lucien Leitess. «Seit das Sanierungsverfahren am 25. Januar genehmigt wurde, sind zumindest die kommenden Erlöse gesichert, aber wir müssen mit einem spürbaren Ausfall für die letzten zwei Monate rechnen.»

Urs Hofmann, Verleger AT, sagt, dass sein Verlag offene Rechnungen seit Oktober hat. «Unsere österreichischen Kolleginnen und Kollegen aus den Verlagen sind natürlich ungeich mehr betroffen, aber auch bei uns sind die Rechnungen des gesamten Weihnachtsgeschäfts noch unbezahlt, das ist eine rechte Stange Geld.» MELO hatte im Herbst Schwierigkeiten, die Ware pünktlich auszuliefern, aber das allein war für Urs Hofmann kein Grund für einen Auslieferungswechsel. Der rasche Abgang von zwei grossen bringe nun viele kleine Verlage in arge Schwierigkeiten.

Sonja Matheson, Verlegerin Baobab Books, spricht ebenfalls das Klumpenrisiko an, das ein Verlag tragen muss: «Zwar ist der österreichische Markt für uns der kleinste, aber trotzdem ist es sehr ungemütlich, bereits zum zweiten Mal innert kurzer Zeit die Einnahmen aus dem Weihnachtsgeschäft abschreiben zu müssen. Und das zusätzlich zu Euroschwäche, Teuerung, und so weiter.» Es sei beunruhigend, «dass Bücher, die wir vertrauensvoll in Kommission geben, realen Umsatz generieren, von diesem aber nichts bei uns ankommt.» Sie beschäftigt auch ganz praktische Fragen: Welcher Zusatzaufwand kommt nun auf den Verlag zu? Wie beliefert der Verlag künftig die österreichische Kundschaft? Wie geht man mit Autorinnen- und Autorenhonoraren auf die bereits abgesetzten Bücher um? Für Sonja Matheson stellen sich an diesem Punkt grundsätzliche Fragen: «Vielleicht braucht es nun Korrekturen, so dass die Verlage besser geschützt sind und das unternehmerische Risiko gerechter verteilt ist. Eine Branchendiskussion ist meines Erachtens angebracht.»


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