Newsletter Schweizer Buchhandel
Ausgabe 24/2026 vom 18. Juni 2026
8. Drei Fragen an ...
8. Carsten Schwab, KI-Experte für Verlage
Die drei Buchbranchenverbände in Deutschland, Österreich und in der Schweiz (SBVV) haben unter der Federführung von Carsten Schwab gemeinsam Leitlinien und Grundbausteine entwickelt für die digitale Transformation in Verlagen. Die Ergebnisse der Taskforce IT-Standards sind auf der Website des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels aufgeschaltet. Die längerübergreifende Initiative bündelt seit 2022 Hilfestellungen und Empfehlungen für Verlage. Erst letzte Woche wurde dort Neues veröffentlicht: Es stehen nun neu Teilprozesse und User Stories aus dem Bereich Vertrieb zur Verfügung.
Wie unterschiedlich hoch ist die Dringlichkeit von digitaler Transformation bei den unterschiedlichen Verlagstypen?
Carsten Schwab: Die digitale Transformation ist ein gesamtgesellschaftlicher Vorgang. Verlage sind je nach Segment unterschiedlich betroffen. Für Schulbuch- und Fachverlage ergeben sich zwar offensichtlichere Chancen, aber auch die dringendere Notwendigkeit, KI-basierte Geschäftsmodelle zu entwickeln. Wer frühzeitig in moderne Workflows investieren konnte, ist heute sehr gut aufgestellt. Besonders kleinere Verlagen haben nun Nachholbedarf. Bei der internen Wertschöpfung können heute Verlage sämtlicher Couleur von KI profitieren. Dieses Potenzial sollte angesichts der hohen Zahl an Überstunden, die in Verlagen geleistet werden, unbedingt genutzt werden.
Zum Schluss des Podcasts (s. oben) erwähnen Sie, dass KI heute umfassend Raum einnimmt als emsige Assistenz in Verlagen. Wie verändern sich Verlagsstrukturen aktuell?
Ich beobachte, dass neue Rollen und Verantwortlichkeiten entstehen, besonders an den Schnittstellen zwischen Produktion, Technologie und Geschäftsmodell. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, diese Bereiche nicht in voneinander getrennten Silos zu organisieren. Mitarbeitende, die Produktionsprozesse verantworten, brauchen zunehmend Technologiekompetenz, während Technologieverantwortliche die verlegerischen Abläufe und Marktanforderungen verstehen müssen. Aus meiner Sicht werden deshalb interdisziplinäre Teams und ein bereichsübergreifendes Verständnis immer wichtiger für den Erfolg von Verlagen.
Die Verlagsbranche befindet sich im Zwiespalt, dass KI das Urheberrecht massiv verletzt, gleichzeitig soll die digitale Transformation vorangetrieben werden. Wie gehen Verlage mit diesem Konflikt um?
KI bringt eine Vielzahl neuer rechtlicher und organisatorischer Fragestellungen mit sich, bei Verlagen besonders in den Bereichen Urheberrecht und Vertragsgestaltung. Das Gebaren mancher Technologieunternehmen ist nichts anderes als modernes Raubrittertum. Dagegen muss sich die Branche mit allen zur Verfügung stehenden Rechtsmitteln zur Wehr setzen. Gleichzeitig sehe ich für Verlage die Chance, ihre grösste Stärke auszuspielen: das Bereitstellen von kuratierten, geprüften und vertrauenswürdigen Inhalten für neue digitale Anwendungen. KI geht nicht weg, wir müssen mit ihr umgehen lernen. Dazu gehört Technologiekompetenz, damit Inhalte nicht fahrlässig preisgegeben werden. Es braucht aber ebenso unternehmerischen Mut, das Heft in die Hand zu nehmen und die digitale Transformation zu gestalten.
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