Schweizer Buchhandels- und
Verlags-Verband SBVV

Der SBVV

Der Schweizer Buchhandels- und Verlags-Verband SBVV wurde 1849 gegründet und gehört zu den ältesten Verbänden der Schweiz. Im SBVV sind die drei Fachbereiche Verlag, Buchhandel und Zwischenbuchhandel sowie buchhandelsnahe Organisationen wie Verlagsvertreterinnen und Verlagsvertreter oder Agenturen aus der Deutschschweiz organisiert. Dabei besteht ein enger Austausch mit den Verbänden LIVRESUISSE in der Romandie und ALESI im Tessin.

Der SBVV vertritt die Interessen der Buchbranche gegenüber Behörden und Politik in kultur- und wirtschaftspolitischen Belangen. Zu seinen Kernaufgaben gehören die Grundbildung und ein aktuelles, branchenspezifisches Kursangebot sowie die Buchpromotion im Ausland. Darüber hinaus erbringt der SBVV für seine Mitglieder zahlreiche Dienstleistungen, vom Branchenverzeichnis bis hin zur fachlichen Kommunikation via Schweizer Buchhandel, seinem Newsletter und seinen Social-Media-Kanälen. Der Verband stellt seinen Mitgliedern eine Pensionskassenlösung sowie Unterstützung in finanziellen Notlagen bereit und sorgt dafür, dass sie von Vergünstigungen profitieren können. Auch die spezifischen Beratungsleistungen und die Insertionsmöglichkeiten werden gern genutzt. Der SBVV lässt die Branchenkennzahlen der Deutschschweiz ermitteln und ist die offizielle ISBN-Agentur für die deutsch- und französischsprachige Schweiz; er vergibt zudem die Branchennummern.

Der SBVV ist zusammen mit LiteraturBasel Initiant des Schweizer Buchpreises und trägt gemeinsam mit dem Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien und den Solothurner Literaturtagen den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis. Zudem zeichnet der SBVV die Buchhandlung und den Verlag des Jahres aus und lässt von den Buchhändlerinnen und Buchhändlern das Lieblingsbuch küren. 

Buchhandels-Mitglieder des SBVV unterstehen einem Gesamtarbeitsvertrag.

Oberstes Organ ist der Zentralvorstand, der sich aus Vertreterinnen und Vertretern aller drei Fachbereiche zusammensetzt. Sie werden direkt von den Mitgliedern gewählt.

Manuel Schär, Präsident SBVV

Präsident des Verwaltungsrats hep Verlag; Leiter Verlagsentwicklung Park Books und Scheidegger & Spiess; Aufträge und Projekte auf selbstständiger Basis; manuel.schaer@sbvv.ch
(Porträtbilder bestellen unter: sekretariat@sbvv.ch)

Firas Kharrat, Mitglied Fachbereich Verlage
Schulthess Juristische Medien AG; firas.kharrat@schulthess.com

Sonja Rothländer, Mitglied Fachbereich Verlage
Compendio Bildungsmedien AG; s.rothlaender@compendio.ch

Urs Hofmann, Mitglied Fachbereich Verlage
AT Verlag AG; urs.hofmann@at-verlag.ch

Marie-France Lombardo, Mitglied Fachbereich Verlage
Edition Moderne; lombardo@editionmoderne.ch

Susanne Bühler, Mitglied Fachbereich Buchhandel
Münstergass-Buchhandlung AG; sb@muenstergass.ch

Simona Pfister-Flammer, Mitglied Fachbereich Buchhandel
Orell Füssli Thalia AG; simona.pfister@orellfuessli.ch

Ursina Boner Maurer, Mitglied Fachbereich Buchhandel
Buchhandlung Kronengasse AG; u.boner@kronengasse.ch

Carmen Lee-Stocker, Mitglied Fachbereich Buchhandel
Bider & Tanner AG; carmen.lee@biderundtanner.ch

David Ryf, Mitglied Fachbereich Zwischenbuchhandel
Buchzentrum AG; ryf@buchzentrum.ch

Patrick Heuscher, Mitglied Fachbereich Zwischenbuchhandel
AVA Verlagsauslieferung AG; p.heuscher@ava.ch

Seit 174 Jahren für die Sache des Buchs

Vor 1849 herrschte im Schweizer Buchmarkt die pure Willkür. «Jeder sorgte nur für sich selbst und für den Augenblick», hält die Vereinschronik fest: «Alle machten sich untereinander das Leben sauer» und überboten sich – zum Beispiel mit Rabatten für die Kunden. Verschiedene Initiativen die Verhältnisse zu ordnen, schlugen fehl, bis am 12. September 1848 die neue Bundesverfassung in Kraft trat – und ein neuer Zolltarif Bücher mit 25 Batzen pro Zentner belegte. Der Verleger C.F. Stötzner aus Schaffhausen rief am 26. Juni 1849 zum Widerstand. Der Zürcher Friedrich Schulthess lud auf den 9. Juli nach Baden und legte eine Petition an den Bundesrat auf den Tisch: Zollerleichterung – «oder wenigstens Zollfreiheit für die Remittenden des eigenen Verlags». Die fünfzehn anwesenden Buchhändler behandelten das Problem der Nachdrucke, beschlossen die Abschaffung des Rabatts, eine Skala zur Reduktion der Bücherpreise und Zwangsmassregeln gegen Nichtbeitretende. Man sammelte die zustimmende Unterschrift aller bekannten Buchhändler und konstituierte am 6. Dezember 1849 den Schweizerischen Buchhändler-Verein SBV mit 42 von 49 Firmen. Zum ersten Vorstand gehörten neben Friedrich Schulthess – der zum Präsidenten gewählt wurde – Christian Beyel, Johannes Hagenbuch, Carl Sauerländer und Friedrich Fehr. Erster Friedensrichter war C.P. Scheitlin. Die Petition hingegen blieb erfolglos, Luxusartikel seien zu besteuern, beschied Bern.

Zürich als Zentrum des Buchs

Dass sechs der fünfzehn Gründer in Zürich tätig waren, erstaunt nicht. Die Stadt war der führende Platz des Schweizer Buchhandels. 1865 schlossen sich die Zürcher im Buchhändler-Verein Zürich BVZ zusammen, weil der zugezogene Caesar Schmidt die Eingesessenen mit seinem Geschäftsgebaren verärgert hatte. Die Zürcher wollten ihre «Vormachtstellung» im Schweizer Buchhandel «für alle Zeiten» behaupten, vermutete der Verleger Friedrich Witz. Als der SBV um 1909 fand, dass die jährliche Versammlung sich auch in anderen Schweizer Städten abhalten lasse, blitzte er ab. Noch 1913 beharrte der BVZ auf seinem Privileg, obwohl Zürich seit drei Jahren nicht mehr ständiger Messeort war und wegen des günstigen Postverkehrs auch die Bedeutung als schweizerischer Kommissionsplatz eingebüsst hatte.

Friedrich Witz kannte seine Kollegen: «Die Herren waren empfindlich und liessen sich vom schweizerischen Verein nicht gängeln.» 1921 musste Max Rascher seine Zürcher Kollegen ermahnen, sie möchten sich den Beschlüssen des SBV fügen, da er nur unter dieser Bedingung beiden Vorständen angehören könne. Und 1928 – der Verein zählte nun 52 Mitglieder – dachte man ernstlich an die Gründung eines Sortimenter-Vereins, weil auch die Verleger sich zusammengetan hatten und dem Aktuar «die suggestive Macht der beiden Verleger-Vertreter im Vorstand des SBV über die drei Sortimenter-Vertreter» missfiel: «Politik ist Kampf, auch die Politik des Friedens.» Die Verleger hatten sich 1918 im Verein Schweizerischer Verlagsbuchhändler VSV zusammengeschlossen, weil sie sich von den zahlreicheren Buchhändlern dominiert fühlten. Zwei Jahre später engagierten SBV und VSV dann doch gemeinsam einen nebenamtlichen Sekretär.

Kampf ums Urheberrecht

Aufgebracht über die Raubdrucke an Schriftstellern wie Goethe, Tieck, Jean Paul oder Uhland forderte der Schweizerische Buchhändler-Verein 1865 ein eidgenössisches Urheberrechtsgesetz. Die «Pariser Voleurs» hätten in der Zürcher Buchdruckerei Geyser & Hoesli «schützende Herberge» gefunden und böten von da aus die Bücher zu Schleuderpreisen an. Bereits vier Jahre später kam der wichtige Vertrag über das literarische Eigentum zwischen der Schweiz, dem norddeutschen Bund und den süddeutschen Staaten zustande. Nach wie vor schlimm bestellt war es um den Schutz einheimischer Autoren; 1878 drängten die Zürcher den SBV, beim Bundesrat vorstellig zu werden. Währenddessen entstanden durch Buchimporte neue Bedürfnisse in der Logistik, und so wurde 1882 das Schweizerische Vereinssortiment SVS geschaffen, das in der «Alten Krone» am Verkehrsknotenpunkt in Olten seinen Standort bezog. Im Jahr darauf publizierte das SVS seinen ersten Lagerkatalog mit 1665 lieferbaren Büchern, 284 davon aus Schweizer Verlagen.

Immer bemüht, «herrschende Missbräuche abzuschaffen und unsern Stand aus seiner vielfach gedrückten Lage zu heben», kam den Schweizern die «Kröner’sche Reform» gerade recht. Der Verleger Alfred Kröner aus Stuttgart, Vorsteher des Börsenvereins der deutschen Buchhändler, setzte damit die Abschaffung der Kundenrabatte durch. 19 Buchhändler aus der Schweiz nahmen am 27. September 1887 in Frankfurt an der ausserordentlichen Generalversammlung teil. Die Preisbindung wurde installiert – ein konfliktträchtiges, aber stabiles System, das sich bis ins 21. Jahrhundert halten sollte. Am 8. April 1888 passte der SBV seine Statuten an; die Mitgliedschaft beim Börsenverein wurde obligatorisch bis 1922, als der SBV zum Organ des Börsenvereins mutierte. Viele Buchhändler blieben Einzelmitglieder des Börsenvereins.

Zwischen Anpassung und Widerstand: Das Verhältnis zu Nazideutschland

Es war empfindlich gestört, doch aus wirtschaftlicher Notwendigkeit blieb das über Jahrzehnte gewachsene Verhältnis zum Börsenverein während der Zeit des Nationalsozialismus bestehen. Der Zürcher Buchhändler und Verleger Emil Oprecht berichtete an der Generalversammlung des SBV im Juni 1933 über die Geschehnisse in Deutschland. Noch wollte man nichts hören – bis am 25. September 1933 im «Anzeiger für den Schweizerischen Buchhandel» der kritische Beitrag «Die geistige Freiheit der Schweiz» erschien: «Wir bedürfen heute dringend einer planmässigen Kollaboration des schweizerischen Buchhandels, des schweizerischen Verlegers, der Presse und des Buchdruckers. (...) Mögen die Beteiligten die Stunde der Gefahr des Einbruchs erkennen und aufwachen und mit einem neuen Geist eine neue Aufgabe anfassen, die eine grosse vaterländische Aufgabe ist.» Zwei Monate später unterstellte Goebbels den deutschen Börsenverein der Reichsschrifttumskammer. Da der Börsenverein als staatliche Organisation nicht über ausländische Organe verfügen konnte, wurde dies unter dem Druck der Auslandsvereine rückgängig gemacht; der Börsenverein blieb jedoch von der Reichsschrifttumskammer abhängig.

Noch ungeklärt ist die Mittlerrolle des Baslers Ernst Reinhardt, als Buchhändler und Verleger in München ansässig und Delegierter des Börsenvereins. Im Frühjahr 1934 warnte er die Schweizer vor der Gefahr, mit nationalsozialistischer Literatur überschwemmt zu werden. Herbert Lang, Fritz Hess, Werner Krebser und Adolf Lüthy organisierten ein Treffen junger, oppositioneller Buchhändler und verknüpften wohl erstmals Wirtschaftliches und Politisches. Und sie fanden Verbündete für ihre Aktion zum Schutz des Schweizer Buchs: Otto Fehr, Heinz Helbing, Bernhard Wepf, Albert Hoster, Robert Räber, Eugen Rentsch, Remigius Sauerländer und Hans Vetter. Als es um die Anerkennung der neuen Statuten des Börsenvereins ging, wünschte Herbert Lang eine «ergänzende objektive Darstellung über die Vorfälle in Deutschland». Carl Emil Lang hingegen forderte Zurückhaltung; als SBV-Präsident sass er im Grossen Rat, der Legislative des Börsenvereins. Er war nicht der Einzige, der sich von der straff geführten Standesorganisation, der staatlich unterstützten neuen Buchmarktordnung auch eine stärkere Kontrolle des eigenen Buchmarkts erhoffte und den Börsenverein als übernationale Wirtschaftsorganisation verteidigte.

Mit wirtschaftlichen Interessen begründete Carl Emil Lang denn auch seine Kandidatur für einen Vorstandssitz im Börsenverein, was die Gemüter über Buchhandelskreise hinaus erregte. Dass er eine polnisch-nationalsozialistische Kandidatur verhindern wollte, erfuhr die Öffentlichkeit nicht. Seine Erklärung, der SBV befinde sich «als Berufsverband in einer gewissen Abhängigkeit von der deutschen Neuordnung, in keiner Weise aber politisch», gehört laut dem Wirtschaftswissenschaftler Martin Dahinden zu einer «der letzten Äusserungen jener Verbandsideologie, die strikt trennte zwischen Marktordnung und Politik». Am 30. November 1934 unterzeichnete Lang einen Vertrag, der eine weitgehende Zusammenarbeit zwischen Börsenverein und SBV festschrieb. 1935 schienen seine Hoffnungen «zum grossen Teil in Erfüllung zu gehen». Aus heutiger Sicht befremdet es, dass Lang nur den kartellistischen Nutzen zu sehen schien und übersah oder übersehen wollte, was im Dritten Reich vor sich ging.

Die Hinwendung zur Geistigen Landesverteidigung geschah im zweiten Halbjahr 1935. Fritz Hess, neuer SBV-Präsident, kritisierte die politischen Zustände in Deutschland unmissverständlich. Angesichts des Bücherdumpings – der deutschen Exportsubventionierung durch 25 Prozent tiefere Auslandspreise – wünschte sich der Verband eine Monopolisierung des Imports, fand im Volkswirtschaftsdepartement jedoch kein Gehör. Anders im Departement des Innern: «Es ist keine Subvention, die wir erbitten», schrieb Hess. «Es ist lediglich die schützende Hand des Staates, die wir – nur für die Dauer des Dumpings – anrufen, damit der Schweizer Buchhandel einer ruinösen Katastrophe entgeht.» Für Bundesrat und Innenminister Etter eine Aufgabe nationaler Kulturpolitik. Fritz Hess, der schon lange daran zweifelte, «dass es sich beim Börsenverein um eine reine Fachorganisation mit internationaler Geltung handelte», machte keine Kompromisse, auch nicht 1937 im Ausschlussverfahren gegen Emil Oprecht, der ungeachtet bundesrätlicher und anderer Drohungen in seinem Europa-Verlag wichtige Werke von Emigranten publizierte. Oprechts Verteidiger Herbert Lang hatte in diesem Scheinverfahren keine Chance. 1938 wehrte sich Lang, unermüdlicher Fürsprecher der Branche, gegen Druckversuche von Legationsrat Hans Frölicher (später Schweizer Gesandter in Berlin), der Emigrantenliteratur oder antinationalsozialistische Bücher aus Schaufenstern und von Ladentischen verbannen wollte. «Unnötig zu sagen, dass der Vorstand des SBV das Begehren des Bundesrats einstimmig ablehnte.»

In den Emigranten witterte man hingegen vielerorts vor allem Konkurrenz. Der Zürcher Ortsverein BVZ wehrte sich gegen jede neue Buchhandlung. Auch gegen Gottfried Bermann-Fischer, Leiter des S. Fischer Verlags, der mitsamt 800’000 Bänden um Aufnahme bat (das Gutachten von Gustav Keckeis gehört leider zu den verschollenen Akten über den Fall Bermann-Fischer). Fritz Hess wollte «im Sinne schweizerisch freiheitlicher Tradition» Gastrecht gewähren und «Gutes nicht lediglich deswegen abweisen, weil es vom Ausland kommt». Er führte Bermann-Fischers Renommee und die wirtschaftliche Belebung ins Feld. Der Zürcher Sortimenter Bürdeke meinte, eine Ausnahme verwirre die Behörden, und die Verleger Keckeis und Rentsch befürchteten die Gefährdung ihrer Auslandkontingente und eine magnetische Wirkung auf Schweizer Autoren. Die Gegner setzten sich durch; der SBV schloss sich an. Ein schwacher Trost, dass die Stellungnahme des Verbands für die Ablehnung nicht allein entscheidend war.

Der Zweite Weltkrieg beeinträchtigte den Schweizer Buchhandel weit stärker als der Erste Weltkrieg, die Währungswirren der 1920er-Jahre, die Depression und die Zeit nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Das Schweizerische Vereinssortiment kam unter Druck, führende Buchhändler wurden bespitzelt. Einschneidend war die Zensur, wahrgenommen von der Abteilung für Presse und Funkspruch APF. Herbert Lang erhielt die Sektion Buchhandel offeriert – und nahm unter der Bedingung an, dass keine Vorzensur eingeführt werde. Was SBV und VSV im Frühsommer 1944 forderten, beschloss der Bundesrat am 3. November: «Schutz des schweizerischen Buchverlags gegen Überfremdung». 1950 wurde dieser aufgehoben, weil die Verlage ihre Bücher vorwiegend im Ausland drucken liessen.

Wachstum, Fusion und Spaltung

Nach dem Krieg bröckelte das «Dankbarkeitsverhältnis» (Friedrich Witz) zwischen Buchhändlern und Verlegern. Zwar sprach man schon in den beiden letzten Kriegsjahren von einem Miteinander. Doch einmal mehr fühlten sich die Buchhändler bevormundet. 1949, in der ersten Nachkriegsrezession, vereinten sich die Verbände dann aber doch zum Schweizerischen Buchhändler- und Verleger-Verband SBVV. SBV-Präsident Herbert Lang beanspruchte die Führung für sich, doch die Zürcher und die Basler setzten sich gegen die «Berner Vorherrschaft» durch: Erster Zentralpräsident wurde Heinz Helbing, der daran erinnerte, «dass wir bescheidene Buchhändler und keine Grosskaufleute sind». Ab den 1950er-Jahren wuchs der Gesamtbuchhandel in der Schweiz. In den bewegten Nachkriegsjahren entstanden Buchhandlungen mit politischem Sortiment und Verlage mit neu ausgerichteten Programmen. So wurden etwa die Verlage Lenos, Limmat, Unionsverlag und Rotpunktverlag zwischen 1970 und 1976 gegründet, die ihre Organisationsform auf das Kollektiv ausrichteten. Das erhöhte den Bedarf an Verlagsauslieferungen und führte zu Veränderungen in diesem Bereich: Das Schweizerische Vereinssortiment SVS – 1968 umbenannt in Schweizer Buchzentrum – bekam Konkurrenz.

Am 23. Januar 1993 kam es zur Teilung in drei rechtlich selbständige Fachverbände – den Buchhändler-Verband der deutschsprachigen Schweiz BVDS, den Buchverleger-Verband VVDS und den Zwischenbuchhändler-Verband ZVDS – unter dem Dach des Zentralverbands SBVV. Zur Ruhe kam der Verband trotzdem nicht. Es gab ausserordentliche Generalversammlungen, aktive Splittergruppen und Probleme mit Geschäftsführern. Auch die Vorstände der Buchhändler wechselten immer öfter. Für die Mitglieder nicht nachvollziehbare Entscheidungen der Verbandsspitze führten zu Austritten, als Erste gingen Jäggi, Stauffacher und Orell Füssli. Bis Ende 1998 verlor der BVDS hundert Mitglieder.

Gastlandauftritt in Frankfurt

Ein Höhepunkt der Verbandsgeschichte war die Präsentation der Schweiz als Gastland an der Frankfurter Buchmesse 1998 unter dem Motto «Hoher Himmel – enges Tal». Sie wurde vom Buchverleger-Verband VVDS unter der Projektleitung von Christoph Vitali im Hinblick auf das 150-jährige Jubiläum des Verbands initiiert; Bundesrätin Ruth Dreifuss fand an der Buchmesse eine «gleichzeitig verwurzelte und weltoffene» Schweiz, Bundespräsident Flavio Cotti wünschte sich in seiner Eröffnungsrede ein «vertieftes Verständnis unter den verschiedenen Kulturen». Dazu hatten die Verlage einiges beigetragen. «Noch nie sind so viele Publikationen aus der Schweiz in eine andere schweizerische Landessprache übersetzt worden wie in diesem Jahr», so Verlegerpräsident Werner Stocker. 255 Schweizer Verlage stellten ihre Bücher aus. Für seinen Auftritt und den neu gegründeten Vertriebspool erhielt der VVDS viel Lob – und vom Schweizerischen Marketing-Club die Marketing-Trophy 1999.[1]

Erneuter Zusammenschluss

Verbandspolitisch standen die Zeichen Ende der 1990er-Jahre wieder vermehrt auf Kooperation. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre hatten gezeigt, dass das Konstrukt von drei Einzelverbänden mit dem Dachverband SBVV auch nicht zufriedenstellend war, zu schwerfällig waren die Strukturen. 2001 konkretisierten sich die Pläne, die drei Einzelverbände wieder zusammenzuführen. Ein Jahr später war die Fusion zum Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband SBVV von allen Gremien abgesegnet. Bis heute werden die Verlage, der Zwischenbuchhandel und der Buchhandel im SBVV als separate Fachbereiche geführt.

Kampf um die Preisbindung

Ende der 1990er-Jahre kamen kartellrechtliche Absprachen europaweit unter Druck. Das betraf auch die Buchpreisbindung. Frankreich, Deutschland und Österreich reagierten, indem sie das Prinzip der vom Verlag festgelegten Preise, die alle Händler einzuhalten haben, per Gesetz regelten. Begründet wurde diese Ausnahmeregelung mit der kulturellen Bedeutung des Buchs und der Buchbranche. In der Schweiz verfolgte vor allem der SBVV einen anderen Weg: Man versuchte, den sogenannten «Sammelrevers» via kartellrechtliche Ausnahmebestimmungen zu verteidigen. Doch die Strategie erlitt Schiffbruch auf der ganzen Linie. Die Buchpreisbindung fiel im Mai 2007, nachdem das Bundesgericht die Einschätzung der Wettbewerbskommission bestätigt und der Bundesrat eine kartellrechtliche Ausnahme abgelehnt hatte.

Erst in der Folge schloss sich der SBVV den politischen Bemühungen der Westschweiz an, die Preisbindung auch in der Schweiz gesetzlich zu verankern. Zur Überraschung vieler gelang es den Verbänden Asdel (Romandie), SESI/ALESI (Tessin) und SBVV (Deutschschweiz) 2011, dass die eidgenössischen Räte einem entsprechenden Gesetz zustimmten. Der Medienhändler Ex Libris und die Junge FDP ergriffen erfolgreich das Referendum und es kam zu einer Volksabstimmung. Am 11. März 2012 sprachen sich 56,1 Prozent der Stimmenden dagegen aus, die Preisbindung wieder einzuführen. In der Romandie wurde das Gesetz über die Buchpreisbindung angenommen. Damit war das Thema für die Schweiz politisch erledigt.

Für den SBVV war die Niederlage so schmerzlich wie befreiend: Endlich war das Thema, das den Verband jahrelang beschäftigt und grosse personelle wie finanzielle Ressourcen gekostet hatte und zum einzig wahrgenommenen Branchenthema geworden war, vom Tisch.

Positive Wahrnehmung stärken

Schon einige Jahre zuvor hatte der SBVV die Initiative ergriffen, den Verband und die Buchbranche mit positiven Aktionen in der öffentlichen Wahrnehmung zu positionieren und andere Formen der Unterstützung für das Buch und die Branche zu etablieren. 2008 lancierte der SBVV zusammen mit LiteraturBasel den Schweizer Buchpreis, der inzwischen zum am meisten beachteten und renommiertesten Literaturpreise der Schweiz avanciert ist. Mit dem Gastlandauftritt in Leipzig 2014 («Auftritt Schweiz») gelang es dem Verband, die Schweiz und die Schweizer Buchbranche auf überraschende, vielfältige und verspielte Art und Weise zu präsentieren. Die Resonanz in Deutschland war überwältigend, und das Echo in der Schweiz legte den Grundstein für ein besseres Ansehen der Schweizer Buchbranche in Politik und Fördergremien. Davon zeugt etwa die Verlagsförderung durch den Bund, die nach jahrelangem Netzwerken der Buchbranche im Frühjahr 2016 eingeführt wurde. Nachdem die Verbände der drei Sprachregionen 2012 in einem ersten Anlauf mit dem Projekt «Succès livre et littérature» noch gescheitert waren, gelang mit der zweiten Kulturbotschaft der Durchbruch. 2019 war die Schweiz Gastland an der Kinderbuchmesse in Bologna. Das Schweizer Bilderbuchschaffen stand im Rampenlicht, Herzstück des Auftritts war eine vielfältige Illustrations-Ausstellung. Die Resonanz auf der Messe und in der Stadt war gross, auch das Medienecho war beachtlich und durchwegs positiv.

Stets steht der SBVV in engem Austausch mit den Partnerverbänden LIVRESUISSE in der Westschweiz und ALESI im Tessin. Während der Pandemie galt es, diese Kräfte noch mehr zu bündeln: Gemeinsam mit Swips – dem Verband unabhängiger Schweizer Verlage –, dem Verband Autorinnen- und Autoren der Schweiz A*dS und der Genossenschaft Schweizer Bücherbon gleisten die drei Verbände das Projekt LIBER auf. Kundinnen und Kunden konnten Büchergutscheine kaufen, deren Wert durch Beiträge der öffentlichen Hand und von Stiftungen erhöht wurde. Die subventionierten Gutscheine sollten zusätzliche Liquidität in den Buchhandel bringen und so die gesamte Buchlandschaft vom Verlag bis zur Autorin unterstützen und stärken. Die Aktion war äusserst erfolgreich und wurde auch besonders zur Kenntnis genommen, weil die Buchbranche als einzige Kultursparte eine übergreifende wirtschaftliche Selbsthilfe-Aktion zustande gebracht hatte.

Langfristiges Engagement

Seit 2010 lobt der SBVV die Auszeichnungen «Buchhandlung des Jahres» und «Verlag des Jahres» aus. Eine Jury schlägt je drei Nominierte vor; das Publikum bestimmt, wer das vom Schweizer Buchzentrum gesponserte Preisgeld von je 5000 Franken gewinnt. Gemeinsam mit der Genossenschaft Schweizer Bücherbon hat der SBVV 2018 das Projekt «Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels» lanciert. Jedes Jahr können Buchhändlerinnen und Buchhändler der Deutschschweiz ihr Lieblingsbuch der vergangenen 12 Monate melden. Zum Welttag des Buches am 23. April wird aus den fünf meistgenannten Titeln «Das Lieblingsbuch» gekürt. 2020 wurden vom SBVV und von LIVRESUISSE die «Digitalen Buchtage Schweiz» ins Leben gerufen. Im Coronajahr sollten sie als Begegnungsort und als Ersatz für die ausgefallenen Buchmessen dienen. Nach mittlerweile drei erfolgreichen Ausgaben haben sich die Digitalen Buchtage als Branchentreffpunkt etabliert. Die kostenlose Fachveranstaltung bietet einen Rahmen für Referate und Workshops zu aktuellen Themen sowie vielseitige Möglichkeiten für Austausch und Vernetzung.

[1] Bis hierhin: Gekürzter und bearbeiteter Beitrag von Franziska Schläpfer aus der Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des SBVV («Buchbranche im Wandel», Orell Füssli, Zürich 1999).

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